EdiMotion14. – 17.10.2022

Ehrenpreis

Die Hommage und der Ehrenpreis Schnitt sind für unser Festival von Beginn an ein besonders wichtiges Anliegen. Die Kunst der Filmmontage findet meist im Verborgenen statt, und auch ihre Künstler neigen eher nicht dazu, das Rampenlicht zu suchen. Wie sehr herausragende Editorinnen oder Editoren ihre Filme mit geprägt haben, ist oft nur ihren Produzenten und Regisseuren bekannt. Dies zu ändern, haben wir uns Aufgabe gemacht. Die Hommage richtet daher jedes Jahr ihre Scheinwerfer auf eine Editoren-Persönlichkeit, deren Wirken, Filmografie und Einsatz für den Beruf es verdient hat, in einem feierlichen und öffentlichen Rahmen gewürdigt zu werden. Die Liste der bisherigen Preisträger des Ehrenpreises umfasst Editorinnen und Editoren mit durchaus unterschiedlichen Herkünften, Schwerpunkten und Lebenswegen. Eines vereint aber alle: Die Leidenschaft und den besonderen Einsatz für ihre oft unterschätzte – und zu selten thematisierte – eigenschöpferische Leistung im Dienste des Films.

Preisträgerin 2022

© Hans Liechti© Hans Liechti
Fee Liechti Seigner - unsere Ehrenpreisträgerin 2022

Meisterin des Hybriden

2022 würdigen wir Schweizer Editorin Fee Liechti Seigner mit dem Ehrenpreis Schnitt. In ihrem Œuvre ist vor allem eines augenfällig: Lange bevor der hybride Film zur viel diskutierten Modeerscheinung wurde, gestaltete sie bereits zahlreiche Werke an der Gattungsgrenze zwischen Fiktion und Dokumentation.

Vor allem in der Kreativpartnerschaft mit Regisseur Hans-Ulrich Schlumpf entstanden diesbezüglich interessante Projekte wie der auf der letzten Linienfahrt eines italienischen Ozeandampfers nach Buenos Aires gedrehte „Trans Atlantique“ (1983), der als Spielfilm die Liebesgeschichte eines Zürcher Ethnologen mit einer Brasilianerin erzählt, dabei aber durch umfangreiches authentisches Material aus Maschinenräumen, Mannschaftsunterkünften und Touristengruppen die Grenze zum Dokumentarischen bewusst verschwimmen lässt. Legendär ist jedoch vor allem der zehn Jahre später entstandene „Kongress der Pinguine“, der nach seinem Kinostart 1993 allein in der Schweiz über 75.000 Zuschauende erreichte und auch in Deutschland zum Verleiherfolg wurde.

Edimotion zeigt „Kongress der Pinguine“ in Anwesenheit von Fee Liechti und ihrem Laudator Hans-Ulrich Schlumpf als Eröffnungsfilm und macht so auch für das Festivalpublikum erlebbar, wie die Montage der diesjährigen Ehreneditorin kunstvoll die Ebenen verwebt: Der von Literat Franz Hohler verfasste poetisch-erzählerischen Monolog, einzigartiges Archivmaterial aus den Hochzeiten des Walfangs, in neuen Kontext gebrachte Bilder von Forschungsschiffen und aus der wissenschaftlichen Eisbohrung und vor allem die seinerzeit spektakulären dokumentarischen Aufnahmen der titelgebenden, stolz umherwatschelnden Protagonisten fügen sich zu einem engagierten Plädoyer für Klimaschutz jenseits klarer Gattungs- und Genregrenzen.

Fee Liechti kam über frühe Tätigkeiten bei Condor-Film eher zufällig zum Filmschnitt, wurde aber – ermutigt von u.a. Georg Janett und von neugieriger Begeisterung angetrieben - bald eine der anerkanntesten Protagonistinnen in der Schweizer Filmbranche. Im Jahre 1983 erhielt sie als erste und bislang einzige Editorin den Filmpreis der Stadt Zürich. Sie montierte rund 60 Spiel-, Dokumentar-, Animations- und Kurzfilme: Neben der langjährigen Zusammenarbeit mit Hans-Ulrich Schlumpf, beginnend mit den Dokumentarfilmen „Kleine Freiheit“ (1978) und „Guber – Arbeit im Stein“ (1979), fertigte sie früh mehrere Montagearbeiten für den späteren Oscar-Preisträger Xavier Koller („Der Galgensteiger“ 1978, „Das gefrorene Herz“ 1979) sowie den Regisseur Sebastian C. Schroeder, darunter die Mockumentary „O wie Oblomov“ (1981). Auch mit ihrem damaligen Ehemann, dem Kameramann und Regisseur Hans Liechti, sowie den Dokumentarfilmschaffenden Irene Loebell und Yusuf Yesilöz entstanden verschiedene gemeinsame Projekte. Im Kurzfilmbereich montierte sie u.a. Bettina Oberlis „Ibiza“ und mit Pepe Danquarts „Daedalus“ findet sich in Fee Liechti Filmographie ein besonders ungewöhnliches Genre, der „Science Fiction-Dokumentarfilm“.

Vor allem aber die langjährige Arbeit mit Regisseur Christoph Schaub prägte ihr Schaffen: Der sowohl mit Kinospiel- als auch Dokumentarfilmen erfolgreiche Filmemacher aus der Deutschschweiz fragte die zu diesem Zeitpunkt bereits arrivierte „Cutterin“ schon für die Montage seines Langfilmebüts „Dreissig Jahre“ (1989) an, der die Höhen und Tiefen einer Männerfreundschaft dreier WG-Kumpel im Verlauf mehrerer Jahre erzählt. Eine echte Herausforderung für die Montage, zumal das Drehbuch sich im Schnitt als nicht tragfähig erwies. Dieses Projekt wurde zur Grundsteinlegung einer fruchtbaren Langzeitkollaboration, die einmal mehr auch hybride Filmprojekte umfasste.

Aus der Zusammenarbeit Fee Liechtis mit Christoph Schaub zeigt Edimotion in Anwesenheit der beiden den Langfilm „Stille Liebe“ (2001), dessen Montageherausforderungen u.a. im Dialogschnitt der Unterhaltungen der beiden gehörlosen Hauptfiguren in Gebärdensprache lagen und den Kurzfilm „Il Girasole“ (1995). Das Porträt einer 1935 erbauten, um die eigene Achse drehbaren Villa in der Nähe von Verona arbeitet mit Mitteln des hybriden Films in Form zweier sich im architektonischen Raum bewegenden Schauspielern und bildete die Initialzündung für den im dokumentarischen Schaffen des Duos Schaub-Liechti Seigner prägenden Architekturfilm (u.a. „Die Reisen des Santiago Calatrava“ 1999, „Der Wechsel der Bedeutungen – Die Architekten Meili, Peter“ 2001), die Übersetzung des realen in den filmischen Raum, des Dreidimensionalen ins zweidimensionale Medium Film mit Mitteln der Montage.

Termine

Freitag, 14.10.2022 um 20 Uhr | Filmforum NRW im Museum Ludwig
Eröffnung
"Der Kongress der Pinguine" (CH/IT 1993, 91 Min., R: Hans-Ulrich Schlumpf) in Anwesenheit der Ehrenpreisträgerin und des Regisseurs mit anschließendem Filmgespräch

Sonntag, 16.10.2022 um 20:30 Uhr | Filmforum NRW im Museum Ludwig
Meet
Fee Liechti - Ein Gespräch mit der Ehrenpreisträgerin

Montag, 17.10.2022 um 10:30 Uhr | OFF Broadway Kino
„Stille Liebe“(CH/DE 2001, 90 Min., R: Christoph Schaub)
mit Vorfilm: "Il Girasole" (CH 1995, 17 Min., R: Christoph Schaub)
in Anwesenheit der Ehrenpreisträgerin mit anschließendem Filmgespräch


Preisverleihung Ehrenpreis Schnitt | Filmforum NRW im Museum Ludwig
Laudatio: Christoph Schaub

Filmografie (Auswahl)

2010 Spoerli – Ich bin Tanzmacher. Dokumentarfilm. Werner Zeindler
2008 Sulukule in Instanbul. Dokumentarfilm. Yusuf Yesilöz
2008 Der Traum vom Weltrekord. Dokumentarfilm. Irene Marty
2008 MusikLiebe. Dokumentarfilm. Yusuf Yesilöz
2007 Marchand d’Art – Ernst Beyeler. Dokumentarfilm. Thomas Isler/Philippe Piguet
2006 Ausgeschafft. Dokumentarfilm. Irene Marty
2005 Ultima Thule. Spielfilm. Hans-Ulrich Schlumpf
2005 Wanakam. Dokumentarfilm.Thomas Isler
2003 Le Grand Chalet de Balthus. Dokumentarfilm. Irene Loebell
2003 Im Schatten der Pagoden. Dokumentarfilm. Irene Marty
2002 Il segund orizont. Dokumentarfilm. Christoph Schaub
2002 Ibiza. Kurzspielfilm. Bettina Oberli
2002 Der Wechsel der Bedeutungen – Architekten Meili, Peter. Christoph Schaub
2002 Die Kunst der Begründung – Jürg Conzett Dipl.Ing. Christoph Schaub
2001 Stille Liebe. Spielfilm. Christoph Schaub
2000 Eine Reise nach Genf. Dokumentarfilm. Irene Loebell
1999 Die Reisen des Santiago Calatrava. Dokumentarfilm. Christoph Schaub
1998 Leben aus dem Labor. Dokumentarfilm. Irene Loebell
1996 Schwarze Tage. Dokumentarfilm. Benno Maggi
1995 Il Girasole. Dokumentarfilm. Christoph Schaub & Marcel Meili
1995 Devils don‘t Dream - Nachforschungen über Jacobo Arbenz Guzman. Dokumentarfilm. Andreas Hoessli
1995 Rendez-vous im Zoo. Dokumentarfilm. Christoph Schaub
1993 Der Kongress der Pinguine. Dokumentarfilm. Hans-Ulrich Schlumpf
1993 Big Bang. Dokumentarfilm. Matthias von Gunten
1992 Am Ende der Nacht. Spielfilm. Christoph Schaub
1992 Der sechste Kontinent. Dokumentarfilm. Benno Maggi
1991 Daedalus. Spielfilm. Pepe Danquart
1989 Dreissig Jahre. Spielfilm. Christoph Schaub
1989 Von Zeit zu Zeit. Spielfilm. Clemens Steiger
1988 Macao. Spielfilm. Clemens Klopfenstein
1988 Andreas. Dokumentarfilm. Patrick Lindenmaier
1986 Der schwarze Tanner. Spielfilm. Xavier Koller
1985 Konzert für Alice. Spielfilm. Thomas Koerfer
1984 Akropolis Now. Spielfilm. Hans Liechti
1984 Haus im Süden. Spielfilm. Sebastian C. Schroeder
1984 Der Gemeindepräsident. Spielfilm. Bernhard Giger
1983 Transatlantique. Spielfilm. Hans-Ulrich Schlumpf
1982 Die Leidenschaftlichen. Spielfilm. Thomas Koerfer
1982 O wie Oblomov. Spielfilm. Sebastian C. Schroeder
1981 Räume sind Hüllen, sind Häute. Dokumentarfilm. Lukas Strebel
1981 Männersache. Spielfilm. Alexander J. Seiler
1981 Inselfest. Spielfilm. Sebastian C. Schroeder
1980 Das gefrorene Herz. Spielfilm. Xavier Koller
1979 Guber - Arbeit im Stein. Dokumentarfilm. Hans-Ulrich Schlumpf
1979 Der Galgensteiger. Spielfilm. Xavier Koller
1978 Kleine Freiheit. Dokumentarfilm. Hans-Ulrich Schlummpf
1976 Das Unglück. Spielfilm. Georg Radanowicz

Archiv Preisträger*innen

Mit der Hommage und dem Ehrenpreis Schnitt wurden bislang gewürdigt:

2021 Ingrid Koller
2020 Karin Schöning
2019 Heidi Handorf
2018 Norbert Herzner
2017 Inge Schneider
2016 Ursula Höf
2015 Christel Suckow
2014 Barbara von Weitershausen
2013 Juliane Lorenz
2012 Raimund Barthelmes
2011 Gisela Haller
2010 Monika Schindler
2009 Barbara Hennings
2008 Peter Przygodda
2007 Helga Borsche
2006 Dagmar Hirtz
2005 Evelyn Carow
2004 Thea Eymèsz
2003 Brigitte Kirsche
2002 Klaus Dudenhöfer

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