EdiMotion14. – 17.10.2022

THEMENSCHWERPUNKT

„Macht und Montage"

Gäste: Sandra Brandl, Vladimir Esipov, Gesa Marten, Rune Schweitzer, Prof. Dr. Marcus Stiglegger.

Film ist Krieg, mein Freund - dieser berühmte Satz von Patrick Süßkind lässt sich angesichts zunehmend digital und filmisch geführter, durchaus auch real bewaffneter Konflikte auch umgekehrt lesen: Krieg ist Film. Und damit kann Montage zur Waffe werden. Unbestritten ist in jedem Fall, dass Montage mit Macht einhergeht. Macht, die geteilt werden kann, die bewusst aber auch unbewusst manipulieren kann und die immer auf eines zielt - uns alle, das Publikum und das wertvollste, das wir haben, unsere Aufmerksamkeit. Und hier spielt Unterhaltung eine nicht unwesentliche Rolle, genau wie Pathos und Behauptung. Und welches Gewerk wäre prädestinierter als die Montage zur scheinbar unsichtbaren Lenkung von Wahrnehmung, zum Erzeugen einer spezifischen Tonalität in Zusammenhang mit den gewählten Inhalten und Personen - und damit von Meinungsbildung? Wo bleibt da die Wahrheit, vor allem wenn wir uns im Dokumentarfilm, in journalistischen bzw. teilweise in vermeintlich dokumentarischen (Kurz-)Formaten wie Social-Media-Clips befinden? Hier setzt der diesjährige Themenschwerpunkt von Edimotion an. Er spürt dem Verhältnis von Macht und Montage und nicht zuletzt vom Einfluss neuer Kooperationsmodelle und Techniken nach und damit auch den Möglichkeiten, missbräuchliche Montage zu vermeiden bzw. zu entlarven.

Der Themenschwerpunkt wird unterstützt vom Bundesverband Filmschnitt Editor e.V. (BFS).

The Good, the Bad and the Entertainment - Meinungsbildende Montage bei Michael Moore

Gäste: Rune Schweitzer

Gemessen an den Zuschauerzahlen war Michael Moores Bowling for Columbine seinerzeit der erfolgreichste US-Dokumentarfilm aller Zeiten - die brancheninterne Begeisterung belegen der Sonderpreis in Cannes sowie der Academy Award für Dokumentarfilm. Editor Kurt Engfehr gewann einen Eddie für seine Arbeit an dem Film und sein Anteil am Erfolg dürfte maßgeblich gewesen sein. Denn Moore und Engfehr machen hier aus einem gesellschaftskritischen dokumentarischen Thema echtes Popcorn-Kino in stilbildender US-Tradition: Sie wissen unbeirrbar, wo sie stehen, was gut, was böse, was richtig, was falsch ist. Und sie erklären auf unterhaltsamste Art und Weise auch eigentlich unpolitischen Zielgruppen, wo man stehen sollte. Kurz: Sie benutzen Entertainment und polemische Wertung als „trojanische Pferde“ um den Meinungsbildungsprozess zum Thema Waffengewalt in den USA zu beeinflussen. Aber wie genau sollen hier Zweifel ausgeräumt und Meinungen gemacht werden? Editorin Rune Schweitzer wirft anhand zahlreicher Filmausschnitte einen Blick auf Filmstruktur, innerszenischen Schnitt und den gezielten Einsatz gestalterischer Mittel wie Musik und Montage von Archivmaterial bei Bowling for Columbine und spürt so der gezielten Gestaltung einer Gut-Böse-Dichotomie und der Steigerung des Unterhaltungswerts im Sinne der Meinungsbildung mit Mitteln der Montage nach. Im Gespräch mit Kyra Scheurer und dem Publikum soll nach der Bewusstmachung der Mittel mit „geschärftem Blick“ ihre Anwendung auch in anderen Formaten wie etwa der Nachrichtenmontage diskutiert und die Frage nach der Legitimität der manipulativen Montage gestellt werden.

Rune Schweitzer arbeitet seit Abschluss ihres Studiums an der Filmuniversität Babelsberg 2004 mit einer Diplomarbeit über die Montage bei Michael Moore als freie Editorin von Kinodokumentar- und Spielfilmen in Berlin. Dreimal war sie für den Bild-Kunst Schnitt Preis Dokumentarfilm nominiert: 2021 für den Schnitt von I’ll be your mirror, 2016 für die Montage von Sonita und zusammen mit Hansjörg Weißbrich 2014 für Master of the Universe. Sie unterrichtet als freie Dozentin für Montage/Schnitt an der Filmakademie Baden-Württemberg.

SA, 15. Oktober, 15:30
Filmforum im Museum Ludwig

Moderation: Kyra Scheurer

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Menschen (de)montieren? Deutungshoheit im Dokumentarfilmschnitt

Gäste: Sandra Brandl, Gesa Marten.

Wer beim Schnitt das letzte Wort hat, ist auch eine Frage von Macht - nicht umsonst gibt es oft Jahrzehnte nach Filmstart veröffentlichte Directors Cuts, die produzentische Perspektiven korrigieren, eine andere Botschaft vermitteln wollen. In besonderem Fall relevant wird die Frage nach der gestaltenden Deutungshoheit im Schnitt allerdings beim Dokumentarfilm: Dort, wo es darum geht, Menschen zu montieren oder eben auch zu demontieren. Das kann mit Blick auf das Publikum geschehen, etwa um eine komödiantische Tonalität zu stärken, das kann mit Blick auf das gezielte Entlarven antagonistisch gesehener Menschen oder Ideologien geschehen, das kann en passant und unbewusst oder aus einer klaren Haltung heraus passieren. Dass die der Montage innewohnende Macht mit großer Verantwortung einhergeht, steht außer Frage Dass diese Macht auch willentlich geteilt werden kann, rückt erst in den letzten Jahren ins Zentrum von Aufmerksamkeit und dokumentarischer Debatte. Aber ist das sinnvoll und wenn ja in welchen Fällen?

Das Ringen um Deutungshoheit und Wertung im Schnitt ist vielgestaltig und oft zäh: Mit der Regie, bemüht um Schutz der Protagonist*innen vor sich selbst oder dem kritischen Blick des Publikums. Mit editorischen Partner*innen im gemeinsamen Schnittprozess. Mit sich selbst angesichts der bisweilen unangenehm konkreten Frage „Montierst Du noch, oder diskreditierst Du schon?“ Und in Modellen der partizipativen Zusammenarbeit mit Protagonist*innen vielleicht auch angesichts der Frage, ob hier nicht längst jemand anders die Deutungshoheit übernommen hat und nun sein eigenes Bild von sich gestaltet. Und wie problematisch ist das vor allem bei dokumentarisch porträtierten Personen, deren Beruf mit Meinungsbildung zusammenhängt, bei Politikern und Politikerinnen?

Der von Gesa Marten und Sebastian Winkels montierte Film über die AfD Eine deutsche Partei wurde kontrovers diskutiert: Wird zu wenig gewertet, sind die Protagonist*innen „zu sympathisch“? Oder liegt genau in der beobachtenden Cinéma-Vérité-Haltung die Stärke des Films? Und wertet die Montage hier tatsächlich nicht?

Ein anderer Fall ist die kirgisische Politikerin Erkingül Imankodjoeva, eine der Protagonistinnen des von Sandra Brandl montierten Films Flowers of Freedom: Gemäß der Grundsätze von Topos Film, unter dessen Label sich Sandra Brandl und Mirjam Leuze zusammen getan haben, wurde hier - auch aus der Gefahr heraus, die der Film für die Politikerin Imankodjoeva mit sich brachte - nach dem Prinzip einer möglichst transparenten und partizipativen Zusammenarbeit kooperiert. Bringt dieses Modell tatsächlich den positiven Wandel im Ausgleich von Machtgefällen in der Montage, oder schränkt das Mitspracherecht der Gefilmten nicht nur die kreative Freiheit, sondern auch die Deutungsmacht der Filmschaffenden zu stark ein? Und wie sehr beeinflusst die Frage nach der Position der Regie auch im On des Films die Aspekte von individueller erzählerischer Macht oder beobachtender Objektivität als Leitbild?

Zur Auslotung dieser Spannungsfelder werden die erwähnten und andere von beiden Panelgästen montierte Dokumentarfilme diskutiert: etwa der dank kommentierender Voice Over in komödiantischer Tonalität erzählende Durchfahrtsland oder das Politikerinnenporträt Die Unbeugsamen. Mittels verschiedener Ausschnitte werden Einblicke in Varianten des bewussten Teilens oder (verantwortungs)bewussten Nutzens der „Macht der Montage“ gegeben.

Gesa Marten arbeitet seit 1991 als freie Editorin und Dramaturgin und hat seitdem an über 60 Produktionen mitgewirkt. Der Fokus ihrer Arbeit liegt auf der Montage von Kinodokumentarfilmen, für die sie u.a. mit dem Bild-Kunst Schnitt Preis Dokumentarfilm (2005 für Was lebst Du? und für 2009 Perestoika - Umbau einer Wohnung) und dem Grimme Preis (2016 für Vom Ordnen der Dinge) ausgezeichnet wurde. Seit 2014 ist sie Professorin für Künstlerische Montage / Spiel- und Dokumentarfilm an der Filmuniversität Babelsberg.

Sandra Brandl arbeitet seit 1994 als freie Editorin im Bereich Dokumentar- und Spielfilm. Sie hat drei Kinder und lebt in Köln. Der von ihr montierte Dokumentarfilm Die Unbeugsamen war mit 180.000 Zuschauern der erfolgreichste Arthouse Film 2021. Zu ihren weiteren Arbeiten gehören u.a. Hyperland, Flowers of Freedom und The Whale and The Raven. Sie ist Mitglied der Deutschen Filmakademie.

SA, 15.10 Oktober, 16:30
Filmforum im Museum Ludwig

Moderation: Kyra Scheurer

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Montage als Waffe - Von Warfluencing, Fake und Forensik

Gäste: Vladimir Esipov, Prof. Dr. Marcus Stiglegger.

Unsere Gegenwart wird immer bedrohlicher konflikthaft: Ob im Ringen von Fakt und Verschwörung, im Erstarken extremer Partien in demokratischen Staaten oder sogar in Form von bewaffneten Konflikten, von Kriegen. Und nicht nur angesichts der Grußbotschaften Wolodymyr Selenskyjs bei den Filmfestspielen in Cannes und Venedig wird deutlich, wie eng Film und Krieg verwoben sind - was sich in Propagandavideos des IS schon zeigte, wird spätestens mit dem Ukrainekrieg und seinen medialen Begleiterscheinungen zur Gewissheit: Moderne Kriegsführung ist auch digitale Kriegsführung, der Krieg mit Bildern war weltpolitisch noch nie so relevant wie gerade jetzt. Und damit wird die Montage zur wirkmächtigen Waffe. Im Gespräch mit Filmwissenschaftler Marcus Stiglegger und Journalist Vladimir Esipov beleuchten wir, wie Montagetechniken von Eisenstein bis zu Oliver Stone aktuelle Fakefilme im Meinungskrieg, etwa die Produkte von Steve Bannon, prägen, wie der Medienprofi Selenskyj gezielt Social Media-Filme zur Verteidigung seines Landes und der internationalen Meinungsbildung nutzt, wie Montage die Propaganda verschiedener Kriegsparteien prägt und welche befremdlichen Blüten der Umgang mit und das Wissen um moderne Manipulationsmöglichkeiten bisweilen treibt: Während Forensic Architecture und andere bemüht sind, mittels digitaler Forensik dem Fake auf die Spur zu kommen oder sogar Gerichtsverfahren auf Basis filmischer Metadaten anstrengen, produziert das russische Fernsehen für ein „Fake-Entlarvungs-Format“ kurzerhand selbst die vermeintlichen ukrainischen Fakevideos. Während Franziska Giffey noch rätselt, ob der Fake-Klitschko mit dem sie sprach Deep Fake oder Schnitt und Schminke war, versucht die deutsche Öffentlichkeit sich an berufsbildende Begrifflichkeiten wie „Warfluencer" zu gewöhnen.

Prof. Dr. Marcus Stiglegger lehrt Filmwissenschaft an den Universitäten Mainz, Regensburg und Klagenfurt, der Filmakademie Ludwigsburg und der FH Münster. Zudem praktische Arbeiten mit Videoessays und Filmmusik, Verleger und bis 2012 Herausgeber des Kulturmagazins :Ikonen. Er ist Vorsitzender der Filmbewertungsstelle Wiesbaden und Mitbetreiber des Podcasts Projektionen – Kinogespräche.

VladimirEsipov ist Absolvent der Universität St. Petersburg und der Hamburger Journalistenschule (Henri-Nannen-Schule). Er war als Journalist u.a. mehrere Jahre tätig für das ARD Studio in Moskau sowie als Chefredakteur von Geo Russland. Heute arbeitet er von Berlin aus. Seine Arbeitsschwerpunkte sind mobile journalism, visuelle Kommunikation und multimediale Berichterstattung.

Sonntag, 17. Oktober 2021 | 19:00 Uhr
Filmforum im Museum Ludwig

Moderation: Sven Ilgner (freier Autor, Kurator und Filmemacher).

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